mein liebstes leserlein,
mein bedürfnis, kleine einblicke aus mein leben zu teilen, kommt und geht wie die gezeiten. manchmal fühlt es sich an, als müsste ich über mein leben schreiben, damit es überhaupt wirklich ist. ich muss durch die seiten meines tagebuchs und meiner notiz-apps blättern, damit ich mich nicht im schlaf kneife, wenn ich von der wirklichkeit träume. ein andermal fühlt sich das teilen erzwungen an. als würde ich den vorhang zu einem halbfertigen theaterstück öffnen, in dem die meisten schauspieler ihren gesamten text vergessen haben, woraufhin das publikum in wut ausbricht, weil es für dieses stück geld bezahlt hat und das, was ihm tatsächlich geboten wird, eine solche enttäuschung ist.
man kann wohl mit sicherheit sagen, dass dieser sommer in jeder hinsicht turbulent gewesen ist. auf harte und zugleich sanfte weise fühle ich mich in ein bett aus dornen gebettet und versuche, wieder herauszukommen, ohne einen kratzer davonzutragen. es ist unmöglich, liebe leser. alles, was uns berührt, hinterlässt spuren. alles, was uns bewegt, zieht irgendwann weiter.
heute, am 28. august, sind es vier monate in paris. einer stadt, von der ich immer gehofft hatte, dass sie mich umso mehr zurücklieben würde, je länger ich bliebe.
und das tut sie. in kleinen augenblicken. in phasen. es wäre auch nicht paris, wenn es mich mit derselben überwältigenden wärme empfangen würde wie einst palma. so farbenfroh und fröhlich wie ensenada, wenn ich zu besuch komme. so hell und lebendig wie new york city.
paris hat seinen ganz eigenen charme. einen, den ich kaum in worte fassen könnte, ohne ihm dabei unrecht zu tun. es war der richtige ort zur richtigen zeit. es ist nicht mein für immer.
dieser monat hat mich, wenn ihr es euch einmal ganz bildlich vorstellen mögt, in alle einzelteile zerstreut, mich demut gelehrt und mich zurück zu meinen anfängen gebracht. ich gehe mit 25 euro einkaufen. genau genommen sind es hundert euro, die ich besitze. hundertundsieben euro und dreiundzwanzig cent. ich teile sie durch vier, ein viertel für jede woche. der rest ist ausschließlich für notfälle bestimmt.
wie weit mich wohl eine dose kichererbsen bringt, frage ich mich. eine packung getrocknete bohnen, ein beutel karotten, eine tüte mehl, um bagels zu backen.
es bringt mich zum lächeln, mich daran zu erinnern, was ich wirklich brauche. und daran, was mir noch bis zu dem augenblick so wichtig erschien, in dem ich es mir plötzlich nicht mehr leisten konnte. ich merke, wie dankbar ich dafür bin, so viele dinge zu besitzen. so viele dinge, von denen ich manchmal vergesse, dass ich sie überhaupt habe. so viele dinge, die man nur allzu leicht für selbstverständlich hält.
eine sache, die ich immer wieder tun kann und mit schöner regelmäßigkeit auch tun werde, wenn ich zu viel zeit in meinem zimmer verbringe, ist, meine möbel umzustellen. ich sehe darin eine persönliche challenge, wie viele mögliche positionen ich für mein bett, meinen schreibtisch und meine schränke finden kann, bis ich auch wirklich jede einzelne ausprobiert habe. bis ich nicht mehr weiß, welche davon am besten zu dem gefühl passt, das meine gliedmaßen in meinen eigenen vier wänden haben möchten. und wie ich das licht, das morgens durch meine fenster fällt, am besten auffange.
unentschlossen, sage ich. jede einzelne veränderung fühlt sich wie die richtige an, und jedes mal denke ich am ende: „so schön hat mein zimmer noch nie ausgesehen. ich sollte die möbel nie wieder umstellen.“
wie furchtbar schlecht dieser satz doch altert.
im moment steht mein bett an der hinteren wand, auf der dem fenster am weitesten entfernten seite, und mein schreibtisch gegenüber. ich beobachte gerne die vorbeigehenden fußgänger, während ich so tue, als würde ich ohne pause lernen. das verschafft mir ein unbemerktes alibi für meine prokrastination. niemand weiß, wo meine ganze zeit geblieben ist. niemand außer meinen augen und dem unterbewussten teil meines gehirns.
der song des monats ist my love von hannah jadagu
bis bald, liebstes leserlein
deine kiki